In Memoria Sektionschef Dr. Franz Grill

Wien, 30. April 2002, Ing. Mag. Roland Leithenmayr 

Sektionschef Dr. Franz Grill war eine der engagiertesten Persönlichkeiten der österreichischen Forschung und Entwicklung.  Ich hatte im September 1997 das unvergessliche Erlebnis und Vergnügen Herrn Sektionschef Dr. Franz Grill über seine langjährigen Erfahrungen, Gedanken und Erkenntnissen zur österreichische  Forschung und Entwicklung zu befragen*). Er starb kurze Zeit später, Mitte 1998, im hohen Alter. Beim Sichten meiner Unterlagen fand ich Notizen über dieses Gespräch. Obwohl sich in der Landschaft der Forschung und Entwicklung vieles positiv geändert hat, sind seine Ansichten, Überlegungen und Visionen noch immer interessant und aktuell. Viele seiner Überlegungen sind in der Zwischenzeit realisiert worden.  

Beim Surfen im Internet fand ich zwar Informationen über den international bekannten österreichischen Orthopäden Prof. Dr. Franz Grill (verwandt ?) und über Forschungsinstitute mit der Adresse "Franz Grill Strasse" im Wiener Arsenal, - die Stadt Wien hatte ihm noch zu Lebzeiten mit dieser Namensgebung  geehrt -,  aber keine Informationen über ihm selbst.

Ich war von der charismatischen Persönlichkeit von Sektionschef Dr. Franz Grill, seiner klaren und strukturierten Formulierung und Sprache, über sein  Wissen über die neuesten Erfahrungen und Erkenntnissen, - trotz seines  hohen Altes -, fasziniert und beeindruckt. Er strahlte eine Begeisterung und Motivation aus, ein positives Beispiel eines (pensionierten) engagierten Beamten. Er erzählte mir, dass er  während des zweiten Weltkrieges an der  Entwicklung der V-Rakete in Pennemünde unter der Leitung von Dr. Wernher von Braun beteiligt war. Nach dem Ende des Krieges bekam er vom Wissenschaftsministerium die Aufgabe die Forschung und Entwicklung in Österreich zu organisieren und aufzubauen. Er war an der Gründung der  Forschungszentren Arsenal und Seibersdorf  maßgeblich beteiligt.

Nach seiner Meinung sollte die gesamte österreichische Forschung und Entwicklung (sowohl die  universitäre als auch außeruniversitäre) einer ganzheitlichen Evaluierung unterzogen werden. Dabei müssten die Stärken und Schwächen aufgezeichnet und neue Schwerpunkte für  technologiepolitischen Strategien gesetzt werden. Die Evaluierung für die  Grundlagenforschung ist anders anzusetzen als die für die angewandten Forschung und Entwicklung. Die Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschung und angewandte Forschung lässt viel zu wünschen übrig.  Die Evaluierung der Forschungsanträge müsste wesentlich verbessert werden. 75% der Förderungsgelder werden seiner Meinung nach nicht effizient genug eingesetzt.  Die universitäre Forschung wird im Verhältnis zur wirtschaftsnahen (also kommerzialisierbare) zu stark gefördert und die drei Fördertöpfe sollten vereint oder wenigstens koordiniert werden.

Als eine der  wichtigsten Ziele sieht er die Bündelung der gesamten Agenden der Forschung und Entwicklung in eine zentrale Ansprechstelle.  Damit würden die vielen zeit- und kostspieligen Doppelgleisigkeiten verhindert werden. Er stelle sich dabei einen unabhängigen Beirat vor, der aber von allen Seiten akzeptiert und abgedeckt ist und mit der  notwendigen wirtschaftlichen Kompetenz und  Geld ausgestattet wird. Dieser Beirat sollte dem Forschungsministerium (... Ministeriumelement...) beigestellt aber nicht unterstellt werden. Dabei muss verhindert werden, dass die Forschung und Entwicklung brüderlich zwischen  politischen Parteien aufgeteilt wird und die Parteipolitik eine Chance erhält sich in die Dienststellenvergabe "hineinzufressen". So sei  z.B. Seibersdorf von verschieden "gefärbten" Ministerien gegründet worden um für sie bequeme Strukturen zu schaffen. Dienststellen sollten zwar vom Staat finanziert aber autonom vergeben werden. Es trage auch nicht zur Effizienz der Forschung und Entwicklung bei wenn zwischen den für Forschung und Entwicklung zuständigen Ministerien Zwietracht und "Funkstille" herrscht. Der Beirat  sollte die Kooperation zwischen den Forschungsinstituten fördern, ohne dabei von oben die fachliche Seite zu erzwingen. Die Bundesländer sollten ein Mitspracherecht erhalten und die  Koordination, Kooperation, Kommunikation und Konzentration  untereinander verstärken. Sie sollten ihren technologischen Position entsprechend ihre eigenen Kompetenzzentren errichten. 

Die Evaluierung von nationalen F&E  Projekten durch einen internationalen Beirat sei zweischneidig. Nach seinen Beobachtungen tauchen Ideen, Konzepte oder Know-how, -  die ihren Ursprung in Österreich haben-,  plötzlich in Länder auf, wo die ausländischen Evaluatoren beheimatet sind. Seiner Meinung nach sollten daher ausländische Evaluatoren nur im Ausnahmefällen beansprucht werden. Dies gilt insbesondere für Konzepte von Unternehmungen die davon überleben Technologieführer zu sein. 

Für Wien fehle ihm die  ganzheitliche technologiepolitische Strategie. In Sicht  auf die EU-Erweiterung sollten Pläne für die zukünftige grenzübergreifende Forschungs- und Entwicklungsregion erstellt werden - eine wichtig Aufgabe des WFFF.  Er meinte die Personalpolitik von Organisationen sollte politisch nicht unterwandert werden und fachliche Kompetenz mehr zählen als die "Seilschaften".

Zwischen den Forschungsinstituten ist die notwendige Kooperations-  und Koordinationsbereitschaft nur zum Teil erreicht worden. Die positive Individualität der Entscheidungsträger (Institutsleiter) muss akzeptiert und in den technologiepolitischen Entscheidungen einbezogen werden. Ein  Grundproblem ist die negative Seite des Konkurrenzdenkens zwischen den Forschungsinstituten. Dieses Denken sollte nicht soweit gehen, dass die Vermittlerrolle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft darunter leidet. Es fehlt die Kooperationskultur, die in den USA und in Deutschland viel weiter entwickelt ist. Ob Workshops abgehalten werden sollten um diese Kooperationskultur zu verbessern, hängt von der Bereitschaft der Institutsleiter ab. Würde eine Gruppentherapie helfen ? Um den Teamgeist zu fördern müssten zuerst die schwarzen Schafe ausgesondert werden. Das lässt sich durch die noch bestehende Pragmatisierung nicht immer durchführen.  

Durch die notwendige Reorganisation der Forschungsinstitute  (Sanierung) werden die Altlasten (z.B.  Arsenal) die durch die Pragmatisierung verursacht wurden erst jetzt aufgedeckt.  Trotz dieser Altlasten sollten  Seibersdorf  und das Arsenal zusammengeführt werden. 

Viele Institutsleiter vergessen (...noch...) die praktische Seite der  Forschungsinhalte und die Notwendigkeit der  Kommerzialisierung. In den  USA und Deutschland ist die Mentalität und die Kompetenz des wirtschaftlichen Auswertens besser.  

Es gibt große Vernetzungsprobleme bezügliche der technischen und menschlichen Ressourcen: es gibt es in der universitären und außeruniversitären Forschung wenig Koordination für die Anschaffung und Nutzung der teuren Forschungsanlagen und Geräte. Das selbe gilt für  Human Ressourcen. In beiden Fällen sollten Technologie - und  Human Ressourcen Portfolien erstellt werde. Es handelt sich um Gelder dis knapp sind und optimal eingesetzt werden müssen. Die Institute haben Angst Informationen über ihre hochqualifizierten Mitarbeitern zu veröffentlichen, die könnten ja von der Konkurrenz abgeworben werden. 

Die Zusammenarbeit zwischen den Fachhochschulen und Universitäten mit den außeruniversitären Forschungsinstituten als Bindeglied zur Wirtschaft müsste verbessert werden. Damit wäre ein stärker Zusammenhang zwischen Grundlagenforschung und Angewandte Forschung gewährt. Die Grundlagenforschung variiert mit der (starken) Persönlichkeit  des Professors (bei vielen wäre vor der Berufung eine psychodiagnostische Beurteilung notwendig gewesen) und erfordert betriebswirtschaftliche, technische und volkswirtschaftliche Kompetenz. Er muss sowohl  schulische  wie auch privatwirtschaftliche Aspekte berücksichtigen (z.B. dass Dissertation, die wirtschaftsnah sind, über eine Fond, wie der FFF finanziert werden, der aber noch zuwenig dotiert ist, ... wäre eine indirekte finanzielle Unterstützung sowohl des Instituts, wie auch des Studenten). Eine notwendige Universitätsreform sollte es den Professoren ermöglichen, an Entscheidungen stärker mitzuwirken und die Spielregeln besser einhalten zu können:  was man in den verschiedenen Instituten unterbringen könnte, bei der Schaffung neuer strategischer Geschäftsfelder (auch in der Wissenschaft notwendig...)und bei der  Koordinierung der Personal- und Geräteanforderungen (Börse an Instrumentenkapazität). Damit könnte die Doppel- und Mehrgleisigkeit verhindert und Entscheidungen schneller getroffen werden. 

Assistenten (und Absolventen) der  Universitäten müssen stärker motiviert werden um eigene Unternehmungen zu gründen. Es ist unbefriedigend das 72% der Universitätsabgänger in den vergangenen Jahren in den öffentlichen Dienst gingen. Das Sicherheitsbedürfnis und die Risikoaversion ist bei den Absolventen übertrieben hoch. Die Pragmatisierung müsste, ausgenommen für bestimmte Berufsgruppen, abgeschafft und ein  Leistungsdenken eingeführt werden. Das  Sicherheitsnetz ist in Österreich zu engmaschig um stärker Eigeninitiativen zu fördern.  Das Silikon Valley in den USA ist zum großen Teil  durch  Unternehmensgründungen von arbeitslosen Wissenschaftlern und vom Militär freigestellten Ingenieuren entstanden. 

Das Venturekapital steht in Österreich noch in den Kinderschuhen. Nach seiner Meinung nach, sind die Auflagen für Venture-Kapital-Nehmer in Österreich diskriminierend. Vielleicht liegt es daran, dass die Manager zuviel  Bankenmentalität und zuwenig Unternehmermentalität besitzen. 

Zu der Situation des AcR (Kooperative Forschungseinrichtungen der österreichischen Wirtschaft)*) Der Geschäftsführer Dr. Jäger  hat großes Managementgeschick bewiesen indem er die nicht-homogen Gruppe der Institute und deren machtvollen Institutsleiter zusammenhält. Der ACR sollte  verstärkt eine Lokomotive-  Motivations- und Drehscheibenfunktion ausüben und nicht nur für die Geldbeschaffung zuständig sein. Die Verselbstständigung des AcR ist noch nicht gelungen. Dazu ist viel Charisma und Unterstützung von den betreffenden Ministerien notwendig. Die Motoren der Unterstützung sind bisher ausgeblieben. Die Wirtschaftskammer und ihre Fachverbände müssten aktiver werden. Die Industriellen Vereinigung ist viel schlagkräftiger. Die Lobby hat sich verzettelt. Der Dachverband AcR sollte gemeinsam mit Forschungsinstituten und Unternehmungen vermehrt spin-offs und spin-outs gründen um die wissenschaftlichen Erkenntnissen verwerten zu können.  Eine finanzielle Verflechtung der Institute untereinander und dem AcR wäre zu wünschen, ist aber durch die Rechtsform der Institute als Verein schwer durchführbar.  Eine Umwandlung der Rechtsform in eine GmbH sollte kein Tabu sein. Er könne sich eine Holding vorstellen die mit ATS 20 Mio. dotiert ist und durch Rücklagenbildung  (z.B. 1% des Umsatzes je Institute, und der gegründeten Unternehmungen) gespeist wird. An der Holding sollten der ACR und die Institute beteiligt sein. Obwohl die AcR über das Geld  verfügen kann, sollte die Evaluierung der Anträge von einem unabhängigen Beirat erfolgen.  Seiner Meinung nach sind viele der Förderungen  nur eine "Körberlgeld", da viele Projekte mit wenig Inhalt gefördert werden. 

Die Institute wissen zu wenig voneinander. Die Datenbank "Aufdat" ist eine gute Einrichtung wird aber von den Instituten zu wenig benutzt. Diese Datenbank sollte erweitert werden und der AcR als interaktive Plattform dienen. 

Die Bedeutung des FFF ist für ihn unumstritten und sollte von der Wirtschaft höher dotiert werden Die Frage ist nur wer soll wie gefördert werden und von wem soll das Geld kommen. Sollten Firmen gefördert werden (die etabliert und finanziell gut dastehen) die das Projekt auch ohne Förderung durchziehen würden, weil es sich rechnet ? Die Evaluierung ist zu technologie-lastig und die wirtschaftliche Orientierung kommt zu kurz. Da es sich um Risikokapital handelt, sollte der Antragsteller, - insbesondere Jungunternehmer -, gezwungen werden die Risiken durch einen Businessplan und durch Szenarien darzustellen. Auch wenn das "worst" Szenario auf einen Flop hinweist, sollte der Jungunternehmer seine Förderung erhalten, da er seine Hausaufgabe gemacht hat! Es wird nur Forschung und Entwicklung gefördert aber nicht der Ansatz des Marketings. Bei vielen Jungunternehmer entsteht daher bei der Vermarktung eine Finanzierungslücke die sie nicht überbrücken können. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen FFF und Banken, insbesondere aber Venture Kapital Organisationen, sei notwendig. 

*) Evaluation der kooperativen Forschungsinstitute der österreichischen Wirtschaft 1997 (Dr. Josef Wagner und Ing. Mag. Roland Leithenmayr) im Auftrage des Bundesministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten.